Technikerblog24 zur Kuriosen Energiepolitik: Warum die Energiewende die Umwelt bisher nicht schützt

In unseren vier Wänden ist die viel beschworene Energiewende längst angekommen. Jeder, der sparen will und etwas auf sich hält, kauft sich einen Fernseher, Kühlschrank oder Herd mit Energieeffizienzklasse A oder besser. Ist es da nicht verrückt, dass es gerade bei den Stromerzeugern im Moment genau andersherum aussieht? Hier profitieren nicht die neuen und relativ sauberen Kraftwerke, sondern alte Kohlekraftwerke, die trotz der Einführung von Emissionzertifikaten unschlagbar billig produzieren.

Gaskraftwerke als Alternative forciert

SolarpanelEs klingt beinahe wie ein Witz: Energieunternehmen, die in den vergangenen Jahren aufgerüstet haben, um den Herausforderungen der Energiewende gewachsen zu sein, haben jetzt ein echtes Finanzierungsproblem, weil sie mit der langsameren Konkurrenz nicht mithalten können. Das bekommen beispielsweise die Stadtwerke Leipzig zu spüren, die eine zweistellige Millionensumme in ein neues Gaskraftwerk investiert haben, das als Brückentechnologie und somit zukunftssicher galt.

In Leipzig folgte man damit den Wünschen des Bundes, der Gaskraftwerke als Alternative zu heutigen AKWs und als Rückfalltechnologie sieht, die Strom liefern soll, wenn Windkraft und Solarenergie nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Dafür scheinen die neuen Anlagen bestens geeignet, auch wenn man weiterhin auf fossile Brennstoffe angewiesen ist. Bei der Verbrennung von Erdgas wird allerdings weniger CO2 freigesetzt als bei der Verfeuerung von Kohle. Abfallprodukte wie Asche stellen ebenfalls kein Problem dar. Noch dazu können Gaskraftwerke sehr flexibel auf Überschüsse und Engpässe reagieren. Reicht die Versorgung durch die Erneuerbaren nicht mehr aus, werden die Anlagen binnen von Minuten hochgefahren, können aber ebenso schnell wieder heruntergefahren werden. Stark vereinfacht kann man sich das wie das Regeln der Flamme beim Gasherd vorstellen.

GKW-Strom seit Jahren zu teuer

StrommastDas Problem: Der Strom aus Gaskraftwerken ist teurer als der aus AKWs und wesentlich unsaubereren Kohlekraftwerken und deshalb an der Strombörse weniger gefragt. Durch den gestiegenen Anteil an Energie aus regenerativen Quellen hat sich dieser Effekt sogar noch verstärkt, weil dieser Strom zum einen ebenfalls günstiger ist und zum anderen das gestiegene Angebot die Preise weiter sinken lassen hat. Die modernen Anlagen kommen so immer seltener zum Zug. Die geringeren Absatzzahlen machen sich in niedrigeren Betriebsstunden und dadurch schließlich als drohendes Loch in den Kassen bemerkbar. Während man in Leipzig noch rentabel arbeiten kann, ist dies in anderen Regionen wie dem Ruhrpott teilweise nicht mehr der Fall. Sollte sich an der aktuellen Situation nichts ändern, erwartet man dort ein Minusgeschäft, bei dem Verluste im zweistelligen Millionenbereich eingefahren werden.

Dabei war die Tsunami-Katastrophe in Japan für die Betreiber der Gaskraftwerke beinahe ein Glücksfall: In der Folge der Geschehnisse von Fukushima regte sich Kritik am von der Bundesregierung zuvor geplanten Ausstieg vom Atomausstieg. Deshalb entschied man in Berlin, eine Reihe der auch deutschen AKWs dauerhaft vom Netz zu nehmen und entlastete damit Unternehmen wie die Leipziger Stadtwerke, die dadurch weniger Billig-Konkurrenz zu fürchten haben.

Emissionshandel: Gut gemeint, schlecht gemacht

SolarGartenDie wirtschaftliche Attraktivität von Kohlekraftwerken hat dies natürlich nicht geschmälert – im Gegenteil. Dieses Problem war den Köpfen hinter der Energiewende aber ganz offensichtlich bewusst, ansonsten hätte man wohl auf die Einführung von Emissionszertifikaten verzichtet. Diese müssen von Unternehmen mit besonders hohem CO2-Ausstoß gekauft werden und würden so theoretisch auch die Produktionskosten von Kohlekraftwerken in die Höhe treiben. Geplant ist, dass sich dieser Effekt im Laufe der Zeit weiter verstärkt, da die Zertifikate künstlich verknappt werden sollen. Damit würde die Wirtschaftlichkeit der KKWs auf Dauer beträchtlich sinken.

Diese eigentlich interessante Idee trägt bis jetzt allerdings keine Früchte, weil die Zertifikate zu zahlreich ausgegeben wurden. Dadurch ist der Preis in den vergangenen Jahren drastisch gesunken und liegt heute bei unter 5 Euro. In der Folge ist es für Unternehmen schlicht billiger, CO2 in die Luft zu blasen, als in neue, sauberere Anlagen zu investieren. Expertenschätzungen gehen davon aus, dass der Preis auf ein Niveau zwischen 20 und 40 Euro pro Zertifikat klettern müsste, um ein wirksamer Anreiz zur Modernisierung zu werden. Weil dies aber nicht der Fall ist, bleibt beispielsweise Kohlestrom weiter billig. Dies wiederum führt kurioserweise dazu, dass die CO2-Emissionen in Deutschland trotz des größeren Anteils von erneuerbaren Energien zuletzt sogar wieder gestiegen sind. Die zur Preiserhöhung notwendige Verknappung der Emissionsrechte war übrigens über Jahre durch Berlin blockiert worden, wo man die Schonung der Industrie in den Mittelpunkt der Politik gestellt hatte.

Auswirkungen für den Kunden – Wie sich die Strompreise entwickeln

PowerbuttonBei den Betreibern der umweltfreundlicheren Kraftwerke sorgt das natürlich vor allem aus finanziellen Gründen für Kopfzerbrechen. In Leipzig hat man erst im Dezember erklärt, der aktuellen Entwicklung keine fünf Jahre mehr standhalten zu können. Für die Verbraucher soll sich dies aber zumindest vorerst nicht zum Problem entwickeln. Obwohl die Regierung die zur Finanzierung der Energiewende erhobene EEG-Umlage erst zum Jahreswechsel hat steigen lassen, bleiben die Strompreise zumindest in der Grundversorgung der Leipziger Stadtwerke stabil.

Dabei profitiert man in Leipzig vom Umstand, dass dem neuen Kraftwerk dank Kraft-Wärme-Kopplung eine Doppelfunktion zukommt. Da die Leipziger Haushalte im Winter mit Fernwärme versorgt werden müssen, läuft die Anlage weiter und kommt so auf eine akzeptable Betriebsstundenzahl. Noch hat sich das neue Kraftwerk deshalb nicht zur Fehlinvestition entwickelt.

Sollte sich die Situation am deutschen Strommarkt nicht ändern, dürfte dies aber in den nächsten Jahren nicht mehr zutreffen, was wohl auch das Aus für stabile Strompreise in der sächsischen Großstadt bedeuten würde. Mit Blick auf das gesamte Land macht sich die Erhöhung der EEG-Umlage schon jetzt klar bemerkbar. Ein Durchschnittshaushalt mit einem Verbrauch von 3.500 kWh pro Jahr muss im Monat 3,30 Euro mehr zahlen als noch im letzten Jahr. Ob sich dieser Trend in den kommenden Jahren weiter fortsetzen wird, hängt stark von den zu fällenden Richtungsentscheidungen der Politik ab. Eine verlässliche Prognose ist deshalb zum jetzigen Zeitpunkt kaum möglich.